Wenn der eigentliche Sport zur Randnotiz wird

Manchmal frage ich mich, wieviel Kommerz unser Sport verträgt. Dabei ist es ja schon sehr einfach zu erkennen, dass die besten Sportler nicht in National-Teams, sondern hauptsächlich in Sponsoren-Teams unterwegs sind. Das hat zum Einen den Vorteil, nicht auf Verbandsstrukturen angewiesen zu sein. Zudem ist es im Eigeninteresse der Hersteller die Produkte weiter zu entwickeln, um ihren Top-Athleten einen Vorteil zu verschaffen. Auf der anderen Seite, werden die Sportler sehr stark durch die einzelnen Marken beeinflusst und auch deren Philosophie auf die Sportler adaptiert.

Trailrunning an und für sich definiert sich über die Wege, die gelaufen werden. Dabei ist es nicht relevant, ob man in den Bergen oder im flachen Gelände läuft, auch wenn es einige anders sehen. Klar, Trailrunning vor einer atemberaubenden Bergkulisse ist natürlich spektakulärer als auf einem fluffigen Waldtrail, aber beides fällt unter diesen, unseren Sport.

Warum definieren sich Trail-Events immer an den Höhenmetern, die absolviert werden müssen, warum müssen die Strecken immer länger werden? Bereits letztes Jahr haben wir uns im Artikel DNF – oder warum sich das Trailrunning ändert dazu Gedanken gemacht. Inzwischen gibt es Veranstalter, die auch wieder auf die Grundidee des Trailrunnings zurückkommen. Der „Trails 4 Germany“ ist hier ein tolles Beispiel, dass Trailrunning auch im Mittelgebirge oder flacheren Gefilden funktioniert. Es scheint ein erstes Umdenken stattzufinden.

Etwas ganz Anderes ereignet sich gerade auf der anderen Seite des Erdballs. Der Ausnahmeathlet Kilian Jornet hat innerhalb von einer Woche bereits zu zweiten Mal den Mount Everest ohne technische Hilfsmittel (Seile, Atemschutz, …) bezwungen. Was hat das jetzt mit Trailrunning zu tun? Auf den ersten Blick nix und doch so viel. Denn Kilian ist einer der herausragenden Athleten in der Trailrunning-Szene. Die Art und Weise, wie er den höchsten Berg bestiegen hat, erinnert mehr an Trailrunning als an Bergsteigen. Selbst das Equipment hat nicht mehr viel mit dem klassischen Bergsteigen zu tun. Wie bereits Reinhold Messner vor ein paar Jahren über die modernen Bergsteiger urteilte, dass es hier lediglich um Speed als um die Natur geht, so kann man die aktuelle Rekordhatz nur mit Bedenken beobachten.

Wo soll das hinführen? Wer hat was davon?

Soll der Eindruck erweckt werden, dass jeder Berg bezwungen werden kann, auch mit minimaler Ausrüstung? Erinnern wir uns, dass in diesem Jahr bereits einige Bergsportler ihr Leben im Himalaya lassen mussten. Ueli Streck, der immer mit dem Risiko lebte und noch ein paar unbekannte, in den Medien nicht präsente Athleten. Durch die mediale Aufmerksamkeit scheint sich der Eindruck zu verfestigen, Bergsteigen wird einfacher und daher für jeden machbar. Dabei sind die Gesetze der Berge noch immer die Gleichen.

Der doppelte Rekord von Kilian ist hauptsächlich auch eine Produktshow von seinem Ausrüster Salomon. Unbestritten, Salomon ist innovativ bei seinen Produkten. Die Aufmerksamkeit, die ein Sportler wie Kilian Jornet bei einer solchen Aktion zieht, ist enorm. Aber spricht das die Masse an?

Andere Brands werben gar mit dem Motto „Speed Up“ und sie wollen gar ganz bewusst die schnellen, dynamischen „Freizeit“-Sportler ansprechen. Dabei sind die Ausrüstungsgegenstände so minimalistisch, so reduziert, dass sie für den großen Markt nicht wirklich geeignet sind. Allein die Ansprache mit der Geschwindigkeit trifft lediglich 2-3% aller Trailrunner. Ob sich das am Ende dann auch rechnet, steht auf einem anderen Papier. Denn es handelt sich ja lediglich um eine Marketing-Strategie.

Geht raus – geht laufen

Das Thema Trailrunning wird immer mehr marketing-technisch aufbereitet. Auf der einen Seite geht es immer höher, schneller und spektakulärer, auf der anderen Seite wollen die Hersteller das Thema auch in die Großstädte bringen. Urban- oder City-Trails – dabei gibt es doch schon seit Jahren Straßenrennen durch Häuserschluchten. Dass nun auch noch der Park oder ein paar Treppenstufen eingebaut werden – geschenkt.

Ich werde oft gefragt, was für mich ein Trail ist. Meine Antwort ist da recht einfach, alles wo man nicht ohne Mühe einen Kinderwagen schieben kann. Aber viel wichtiger ist es rauf zu gehen, sich tolle Wege zu suchen. Und wenn es eine Straße ist, die in einer unglaublichen Landschaft liegt, dann lauft da und genießt es. Denn es ist ein Privileg, da zu laufen, wo es uns gefällt. – Einfach nur wir – ganz ohne Marketing-Bla.

Carsten

Carsten

Carsten Reichel ist passionierter Trailrunner. Seit mehreren Jahren hat er die Straßenschuhe gegen Trailrunningschuhe getauscht. Inzwischen sind es lange Distanzen oder Mehrtages-Rennen, wo Carsten Reichel anzutreffen ist. Carsten läuft für das Thoni Mara Team.

2 Kommentare

  1. Robert
    4. Juni 2017 at 10:16 — Antworten

    Das spricht mir aus dem Herzen. Allerdings wundert es mich dann doch, dass mir unter dem Artikel dann „Traikstuff“ angeboten wird. Von wegen der „Kommerzialisierung“ 😉

    • 5. Juni 2017 at 13:16 — Antworten

      Du hast natürlich recht, Robert. Aber die paar Cent die diese Werbung uns einbringt ist eher ein Tropfen auf den heißen Stein für die Kosten die wir mit unserem Magazin haben.

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