Da war es wieder. Das Gefühl, dass man alt wird. Am Wochenende zwickte es und die Beine waren müde, nachdem ich meine geplante 110 Kilometer Strecke nach 65 Kilometern beendete. Sollte ich wirklich schon mit 45 zur Wandergeneration gehören?

Dirty Old Fart

Nein, will ich nicht! Ich will noch den einen oder anderen atemberaubenden Trail rocken, die frische Luft auf den Bergen einatmen, mich in mörderische Downhills stürzen. Ich will weiter meine Grenzen austesten, wenn es denn nicht mehr die Geschwindigkeit ist, dann zumindest die Distanz. Wobei Geschwindigkeit, da bin ich immer noch in guter Mittelfeldposition und zeige zu manchen jungen Sportler, dass Alter nicht immer vor Geschwindigkeit schützt. Auch in unserer Laufgruppe sind viele jenseits der 40 und immer noch verdammt schnell.

Die Industrie sieht das so

Wenn ich mir aber anschaue, was die Sportindustrie so alles erwartet, dann sind wir „alten Säcke“ schon längst in einer anderen Sparte unterwegs. Und nun werden auch noch die Sportgeschäfte darauf geimpft, dass Dynamik nur mit „Millennials“ funktioniert, als die Altersgruppe, die ab den 80ern geboren sind. Andere Industriezweige nennen diese Digital-Natives.

Sind das nicht die, die den ganzen Tag vorm Rechner hocken, für die Smartphones und Facebook so selbstverständlich sind wie der Euro und reisen ohne Grenzkontrollen? Wenn ich mir so die Läufer in unserem Verein anschaue, dann sind die meisten auch bereits über diese magische Grenze hinweg und alle die darunter sind, laufen maximal 10.000 Meter auf der Bahn.

Es muss sich was tun in unserem Sport

Wenn wir ehrlich sind, wird Trailrunning „reifer“. Die Events sind etabliert, nur noch wenige wundern sich, wenn Athleten mit leichter Ausrüstung über die Berge rennen. Aber die Familie ist über die Jahre hinweg gleichgeblieben. Und wir alle werden miteinander älter. Die vermeintlich jungen kommen nicht in der Masse nach, um den Sport auf die Zukunft vorzubereiten. An was liegt das? Will die Jugend von heute nicht mehr in die Natur? Sind die Events zu exklusiv? Wird das Equipment an der Zielgruppe vorbei entwickelt?

Von alledem ist was dran. Natur – der Trend geht weiterhin Richtung Metropolen. Es gibt noch immer die Landflucht und die jungen Menschen zieht es in die Städte. Da scheint es Konsequent, wenn die Sportartikler nun auf sogenannte Urban-Trails setzen. Ein Trail-Event ist heute nur selten unter 70 Euro zu finden. Zuzüglich Anreise und Unterkunft ist man da schnell mal bei 300-400 Euro für ein Wochenende. Und die Ausrüstung? Klar, eine gute Regenjacke ist wichtig und die gibt es selten unter 200 Euro, dazu noch die Schuhe mit mindestens 150 Euro, davon braucht man aber auch 3-4 pro Saison, denn die Sohle hält ja auch viel kürzer als bei Straßenlaufschuhen. Shirt, Hose braucht man auch noch und ein Rucksack für 100 Euro, da ist man auch schon bei 1.000 Euro pro Saison nur mit der Ausrüstung.

Macht den Sport wieder puristisch

Die Idee des Trailrunning war nicht, Hochglanz in den Bergen und Selbstdarstellung auf Facebook und Instagram. Trailrunning war und ist das Laufen in der Natur. Schuhe an, rausgehen und laufen. Das ist es. Es geht nicht darum, wer die meisten Höhenmeter absolviert, die coolsten Gipfelbilder postet oder die häufigsten Finishs bei Ultratrails schafft.

Trefft Euch in den Wäldern um Eure Heimat, rockt dort die Trails. Vergesst die Berge, wenn ihr sie nicht vor der Tür habt und zeigt Euren Freunden, was die Localtrails zu bieten haben. Geht einfach raus, lauft durch die Nacht, nehmt Freunde mit und sucht Euch den schönsten Platz für eine ausgiebige Pause.

Fangt endlich an Euren Sport zu genießen, ohne ständig auf die Uhr oder die Ergebnislisten zu schauen. Erst wenn dieses Gefühl da ist, kombiniert es mit vereinzelten Wettkämpfen. Plant Euren Urlaub danach. Sucht Euch abgefahrene Spots, am Meer, in Touristenzentren, an ungewöhnlichen Orten oder da, wo ihr schon immer mal Urlaub machen wolltet. Trails gibt es nicht nur in den Alpen. Die gibt es in Mittelgebirgen genauso wie rund um die Metropolen. In Zagreb beginnen die Trails mitten in der Stadt und gehen fast 1.000 Höhenmeter nach oben. Selbst in Berlin kann man Höhenmeter ohne Ende machen. Fahrt ins Elbsandsteingebirge, ins Fichtelgebirge, den Frankenwald oder die Schwäbische Alb.

Geht einfach laufen und habt Spaß!!!

 

Carsten

Carsten

Carsten Reichel ist passionierter Trailrunner. Seit mehreren Jahren hat er die Straßenschuhe gegen Trailrunningschuhe getauscht. Inzwischen sind es lange Distanzen oder Mehrtages-Rennen, wo Carsten Reichel anzutreffen ist. Carsten läuft für das Thoni Mara Team.

3 Kommentare

  1. Jens
    25. Juli 2017 at 17:20 — Antworten

    Wie kann man denn so einen Quatsch über einen Sport schreiben der im Kern von Leuten zwischen 35 und 65 betrieben wird. Und behaupte doch bitte nicht pauschal, dass andere den Sport nicht genießen nur weil sie Fotos machen und Geld für Ausrüstung ausgeben…das ist kein Widerspruch.

    MFG aus dem Harz

    • 25. Juli 2017 at 21:31 — Antworten

      Hallo Jens,
      hast Du den Artikel gelesen?
      Es geht um die Zielgruppen innerhalb der Hersteller und der daraus folgenden Dynamisierung des Sports. Jeder darf gerne soviel Geld ausgeben, wie er mag. Gerne auch Fotos machen, warum denn auch nicht?
      Es geht eher darum, dass Trailrunning nur noch in die Ecke kommt, wo jeder Event verglichen wird. Wie Du selbst weisst, geht das selbst auf der gleichen Strecke nur schwer.
      Ich Spreche hier nicht von nationalen und internationalen Meisterschaften. Ich bin aber auch bei den Herstellern, die sich gerade die Köpfe darüber zerbrechen, wie sie genügend Nachwuchs in den Sport bringen. Über Vereine und Verbände, wie in der klassischen Leichtathletik geht das bei unserem Sport nicht so einfach.
      Es bleibt spannend.

  2. 26. Juli 2017 at 8:44 — Antworten

    Super Artikel. Ich glaub, das greife ich mal auf und schreibe auch was dazu. Ich sehe das nämlich genau so – tolle Trails findet man auch vor der Haustür. Einfach mal neue Strecken erkunden, ab in den Wald und planlos drauf los rennen – das macht einen riesen Spaß.

    Und was das Thema „alter Sack“ anbelangt. Da kann ich mitreden! 😀

  3. Nolle
    26. Juli 2017 at 16:03 — Antworten

    Ja, unbedingt ins Elbsandsteingebirge! Es müssen tatsächlich nicht immer und unbedingt Anstiege mit mehreren 1.000 hm am Stück sein – viele kleine knackige haben es mindestens genau so in sich 😉 <3

    btw: Ich muss mich wohl dieser verrufenen "Digital-Natives 80er+ Generation" zuordnen. Ich trainiere gern mal schnell. Unbedingt! Aber geh' mir bloß weg mit 'ner Bahn. Ich lauf "trotzdem" Ultras. Und zu allem Überfluss liebe ich auch noch herkömmlich Wandern. Dein Grundgedanke ist glänzend. Word!
    … nur die Schubladen sind vielleicht etwas zu eng?

Hinterlasse eine Nachricht

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.