Unsere beiden Läufer Marc und Benjamin Klöppel machten sich auf nach Bergamo, um bei der Premiere des Orobie Ultratrail dabei zu sein. Gemeinsam mit dem Sieger des Zugspitz Ultratrail, Michael Arendt, rockten sie die 70 Kilometer auf der kleinen Strecke, dem Gran Trail Orobie.

Benny ist noch immer ganz beeindruckt vom Rennen.

Los ging’s am Donnerstag. Richtung Bodensee, der Schweiz, direkt nach Bergamo. Fast kein Verkehr, eine perfekte Anreise. Gegen Mitternacht erreichten wir Bergamo in der Lombardei. So gefällt mir das, 12 Uhr nachts und noch immer lauschige 25°C. Da am folgenden Tag aber ein langes Programm anstand fielen wir schnell in die Betten.

Stadtführung und die Probleme mit der Pflichtausrüstung

Schon um acht Uhr saßen wir beim Frühstück, denn Fabrizio von Hauptsponsor des Rennens, REDA Rewoolution, wollte uns noch durch die historische Altstadt von Bergamo führen. Eine tolle Stadt, die sich auch mal einfach nur für einen Kurzurlaub empfiehlt.

Nach unserem Sightseeing ging es zur Startnummernabholung. Wie in Italien üblich, bekommt man seine Nummer nur, wenn man die komplette Pflichtausrüstung vorzeigt, und so sehen wir schon auf dem Weg durch die Altstadt viele Läufer mit ihren gepackten Rucksäcken. Wir waren gut vorbereitet, doch das sollte sich noch ändern. Stirnlampe, Ersatz Akkus, Erste Hilfe Set, Trinkflaschen, Handy, Verpflegung und die Pfeife hatten wir alles und somit war es auch ok. Dass an meiner Regenjacke die Kapuze fehlte, hatte ich mir bislang keine Gedanken gemacht, die Organisatoren schon. Zufälligerweise stand Michael Arend, der Gewinner des Zugspitz Ultratrail neben uns und konnte mir spontan mit einer Regenjacke aushelfen. Danke Michael! Ebenso genügt es in Italien nicht beim Begriff lange Hose, einfach nur Strümpfe und eine ¾ Hose vorzuzeigen, wie es auf so vielen Deutschen Trails ausreicht. Nach einer kurzen Diskussion war das aber auch geklärt und wir durften unsere Startnummern in Empfang nehmen.

Ganz schön viel Aufregung, aber wir drei verabredeten uns zum Pizzaessen um über Renntaktik und andere Tipps zu philosophieren.  Ins Bett ging es dafür schon um acht, denn bereits um fünf Uhr morgens sollte der Shuttle nach Corona, den Startort des Gran Trail Orobie starten.

Kurz bevor wir uns schlafen legten schauten wir noch kurz nach den Zwischenständen des 140 Kilometer-Laufs. Als wir sahen, dass der Führende gut 5,5 h für die ersten 30 Kilometer benötigte, war die Vorfreude auf das Rennen ein wenig getrübt….

Wir wussten ja, dass es eine anspruchsvolle Strecke sein würde, aber so anspruchsvoll?? Mit einem leicht mulmigen Gefühl legten wir uns schlafen.

Warum beginnen die Rennen immer so früh?

Wenn um vier Uhr morgens der Wecker klingelt, dann fühlt sich das schon fast nach Transalpine Run an, der in vier Wochen für uns startet. Anziehen, Rucksack checken, Getränke auffüllen und einen kleinen Snack. Wir hatten vergessen mit den Hotel über Lunchpakete anstatt Frühstück zu reden. Der Shuttle holte die Läufer direkt an der EXPO ab und so machten sich knapp 900 Starter auf die einstündige Anreise nach Corona. Gut wenn man die Zeit noch etwas zum schlafen nutzen kann.

Die Jungs kennen nur schlechtes Wetter

In Corona angekommen, war das Wetter nicht mehr so lauschig wie in Bergamo. Also dann gleich die Jacke drüber und gut – jedenfalls besser als 30°C. Doch kurz nach sieben öffnete der Himmel seine Schleusen und es schüttete. Toll, sollen alle unsere Trails in diesem Jahr wieder im Wasser ersaufen. Wir sind extra nach Italien gefahren um einmal bei schönem Wetter zu laufen.

Dann kamen auch schon die ersten Rückmeldungen auf unseren Facebook-Post aus der Heimat – Die Jungs kennen nur schlechtes Wetter. Optimale Bedingungen für unsere Haudegen. Auf geht’s Männer!

Stimmt eigentlich, gewohnt sind wir es ja und zumindest war es nicht kalt. Und15 Grad waren ja noch echter Luxus im Vergleich zum Zugspitz Ultratrail Mitte Juni. Dann eine Meldung welche uns überraschte. Der Start des Gran Trail Orobie wird verschoben und die lange Variante, der Orobie Ultratrail, ist aufgrund des schlechten Wetters unterbrochen.

Das Wetter besserte sich zum Glück schnell und wir konnten dann gegen acht Uhr einchecken und eine halbe Stunde später war es dann auch soweit. Der Gran Trail Orobie war gestartet.

Kurz vor dem Start erhielten wir noch einen tollen Tipp. Die Strecke geht zuerst eine Runde durch das Dorf, ehe es in den ersten Anstieg geht, welcher ein etwas schmalerer Weg sein sollte. Also etwas weiter vorne aufstellen, damit wir etwas zügiger durch Corona kommen und nicht gleich am Anfang im Stau stehen.

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Gleich direkt nach oben

Leider waren wir nicht die Einzigen, welche diese Idee hatten, jedoch blieb, zumindest uns, das Warten in der Einstiegspassage erspart. Dort merkten wir auch gleich warum uns gesagt wurde, es wird kein leichtes Rennen werden. Der Anstieg ging über einen schön angelegten Steinweg, war aber teilweise sehr steil. Zugleich war der erste Anstieg, mit fast 1.000 Höhenmeter auch der schwerste Anstieg, welcher für uns Läufer auf dem Programm stand. Der Regen hatte sich inzwischen verzogen und so konnten wir auch gut die ersten Kilometer abspulen. Die Baumgrenze war erreicht und an einem Stausee konnten wir uns von der ersten „Wand“ auf einer Flachpassage erholen. Noch einmal ein kurzer, knackiger Anstieg und wir erreichten die erste Verpflegung.

Beim Orobie Ultratrail sind die Verpflegungsstellen in verschiedene Kategorien eingeteilt:

  • Kleine mit Wasser und Isogetränken
  • Mittlere mit zusätzlich Obst, Wurst Käse, Tee und Keksen
  • Große mit einem „wink“-Emoticon, dort gab es noch Kaffee und Pasta

Da hinter uns ein kleiner Pulk an Läufern war, hielten wir uns nur ganz kurz an der VP auf, Trinken auffüllen und etwas essen.

Frisch gestärkt erklommen wir den höchsten Punkt des Rennens, nach gerade mal zehn Kilometern. Nun sollte es in Wellen bergab ins Ziel gehen mit einigen kurzen „Hügeln“. Naja, auf der Karte sieht das oft mal anders aus, denn die Downhills waren steil und technisch, die Aufstiege knackig. Kein Wunder, warum der Führende des Orobie Ultratrail heute Nacht „so langsam“ unterwegs war. Hohes Tempo konnte man fast nirgends laufen.

Pflichtausrüstung musste gezeigt werden

Dank dessen, dass wir im Downhill nicht gerade die schlechtesten sind, kamen wir relativ zügig voran und erreicht bald die zweite Verpflegung, wo es ein wenig hektisch zuging. Nicht nur Trinken auffüllen und essen war hier angesagt, sondern man musste auch seine Startnummer kurz zur Registrierung abgeben. Dank einer großen Crew von Helfern kostete das aber kaum Zeit.

Der zweite von den drei großen Aufstiegen wäre dann auch einfacher zu laufen gewesen, da es hauptsächlich über geschotterte Forstwege bzw. Trails nach oben ging. Leider wollte es das Wetter uns nicht so einfach machen. Neben dem leichten Wind, fing es wieder an zu Regen. Kurz warten oder weiterlaufen. Die Entscheidung wurde uns schnell abgenommen und wir sahen zu zur nächsten Verpflegung zu kommen.

Gerade mal zwanzig Kilometer hatte wir bisher geschafft, was war das für ein Rennen. Wir investierten zusätzlich Zeit, um frische Klamotten anzuziehen, damit wir trockne weiterlaufen konnten. Jetzt wurde es lustig. Ein Geröllfeld wartete auf uns. Wie an einer Perlenschnur sah man die Läufer darüber huschen.

Es lief gut, keine Ahnung an welcher Position wir uns befanden, aber wir wollten versuchen unser Tempo beizubehalten und liefen durch eine atemberaubende Landschaft entspannt im vorderen Feld. Immer wieder wechselten auf dem Weg zum Passo di Zambia sich Trails, Downhills, kurze Anstiege, die teilweise auch Kletterpassagen beinhalteten und steile, weglose Passagen ab.

Direkt oben am Pass gab es dann eine riesige Versorgungstation, mit allem was das Herz begehrte. Zudem wurde auch die Pflichtausrüstung kontrolliert. Richtig routiniert und schnell gingen die Ordner vor, als ob der Lauf schon seit Jahren stattfinden würde. Immer wieder standen an den unglaublichsten Stellen Zuschauer, die jeden Läufer euphorisch anfeuerten.

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Endlich mal ein Stückchen nur geradeaus

Die Strecke verlief entweder nach Oben oder nach Unten. Welch eine Wohltat war da einmal eine kurze flache Passage. Der letzte große Anstieg war zwar nicht mehr so lange, dafür umso steiler – von wegen es geht nur noch bergab ins Ziel! Die Strecke war mehr als Anspruchsvoll, denn es gab nahezu keinen Moment zum Verschnaufen.

Wie so oft bei diesem Lauf kamen wir von dem einem Extrem ins andere. Die Versorgungsstelle Baita Piazzoli kam gerade recht, um sich kurz zu erholen. Da die nächste Verpflegung nicht weit entfernt war und es auf dem Streckenprofil relativ einfach aussah machten wir uns auch gleich weiter auf den Weg.

Es war schon erstaunlich wie viel Freiwillige Helfer für diesen Lauf organisiert wurden, um so viel Verpflegungspunkte mit einer solch großen Anzahl an Helfern auszustatten.

Die Strecke wurde nun flacher, die Wege breiter. Ob es nun an den sehr süßen Getränken lag oder der Anstrengung, auf alle Fälle hatte ich einen echten Durchhänger. Sogar Aufzugeben ging mir kurz durch den Kopf. Und dann kam auch noch der vorausgesagte Regen und so wurden die Downhills zu reinen Rutschbahnen.

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Partystimmung

In Selvino angekommen konnte man Glauben, man wäre bereits im Ziel. Ein großes Festzelt war aufgebaut und viele Zuschauer standen an der Strecke. Immer wieder wurde uns zu unserer tollen Leistung gratuliert. Das motiviert! Aus Selvino hinaus ging es dann ausnahmsweise Mal über Asphalt. Aber schnell hatte uns der Trail wieder. Der letzte finale Aufstieg wartete nun auf uns. Mir ging es wieder besser und die gute Stimmung von der letzten Verpflegung konnten wir auf die folgenden Kilometer mitnehmen.

Noch war das Ziel nicht erreicht

So langsam machte sich bei Marc das hohe Tempo bemerkbar. Die Reserven waren leer und so wurden die Downhill-Passagen zur Herausforderung. Noch zwei Verpflegungspunkte und dann durch die Nacht zum Ziel.

Auf den (nun wirklich) letzten Metern bergauf in die Altstadt von Bergamo, war es dann auch so dunkel geworden, dass die Stirnlampe unumgänglich war.

Die Tatsache bald im Ziel zu sein und es dann geschafft zu haben setzte bei Marc nochmal Kräfte frei, welche ihn die letzten paar Meter durch die tolle Altstadt von Bergamo regelrecht fliegen ließen.

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Roter Teppich

Nun war uns bewusst, es geschafft zu haben. Die Zuschauer an der Strecke wurden immer mehr. Und so wurden wir regelrecht ins Ziel getragen. Wir haben es erreicht. Über eine Rampe, auf einem roten Teppich, ging es durch ein riesiges Tor über die Ziellinie. Was für ein Lauf! Michael Arendt wurde Sechster, unglaublich. Bei dem stark besetzten Feld eine gigantische Leistung. Wir wurde 212ter. Nachdem knapp die Hälfte der Läufer im Ziel angekommen waren wurde der Lauf aufgrund der verschlechternden Wetterbedingungen abgebrochen. Da ging der Veranstalter auf Nummer sicher.

Der Orobie Ultratrail und auch der Gran Trail Orobie gehören bereits im ersten Jahr zu den schönsten Trails in Europe. Die perfekte Strecke, die gesamte Organisation und der Zieleinlauf nach Bergamo machen Lust wiederzukommen. Jetzt heißt es regenerieren und den Transalpine-Run zu rocken.

Carsten

Carsten

Carsten Reichel ist passionierter Trailrunner. Seit mehreren Jahren hat er die Straßenschuhe gegen Trailrunningschuhe getauscht. Inzwischen sind es lange Distanzen oder Mehrtages-Rennen, wo Carsten Reichel anzutreffen ist. Carsten läuft für das Thoni Mara Team.

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