Nepal 2017:
„Ein bißchen Katastrophe – und ganz viel schön!“

Schon lange habe ich nicht mehr so lange gebraucht, die richtigen Worte für eine Tour oder einen Reisebericht zu finden. Auch einige Wochen nach der Rückkehr und Sortierung der fast 2.000 Fotos bin ich immer noch tief bewegt von den Erlebnissen unserer Reise in ein unglaublich chaotisches, einfaches, aber auch wunderschönes und beeindruckendes Land! Nepal – das kannte ich vor Beginn unserer Urlaubsplanungen nur entfernt als „Himalaya/Mount Everest, Buddhismus/Hinduismus, Erdbeben“. Diese Themen prägen das Land tatsächlich sehr. Aber andererseits ist da auch so viel mehr…

 

Annapura Sanctuary Trek

Nach langer Planung hatten wir uns entschieden, die Trekking-Tour „Annapurna Sanctuary Trek“ (ins Annapurna Base Camp/ABC) komplett eigenständig zu gehen. Das ist mit ein wenig Berg- und Trekking-Erfahrung problemlos möglich. Und unser Gepäck wollte ich mir schon aus Prinzip nicht von einem Sherpa durch Nepal tragen lassen. Wer sich allerdings sonst eine solche Trekking-Tour körperlich nicht zutraut, sollte es auf jeden Fall mit einem Porter bzw. Porter-Guide in Erwägung ziehen! Diese sind verhältnismäßig günstig und man unterstützt die davon lebenden Einheimischen. Dabei sollte man aber auf jeden Fall darauf achten, dass diese „offiziell“, d.h. versichert und halbwegs gut ausgestattet sind.

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Sightseeing vor der eigentlichen Tour

Unsere Trekking-Tour sollte den Schwerpunkt des Nepal-Trips bilden, aber drumherum haben wir auch einige zusätzliche Tage eingeplant, um das Land jenseits der Trekking-Routen zu erleben – und auch ein wenig zu relaxen. Die ersten zwei Nächte waren wir daher in Bhaktapur (direkt angrenzend an Kathmandu), um dort die schöne alte Stadt zu besichtigen. Und auch einen Tag Sightseeing und Organisation unserer „Trekking-Permits“ in Kathmandu haben wir von dort aus unternommen. Kathmandu ist (wie vieles dieser Tour) eigentlich nicht zu beschreiben: Es ist mir unbegreiflich, wie eine solche Riesenstadt mit einem derartigen Verkehrschaos, soviel Müll und Staub (ein Großteil der Menschen dort trägt einen Mundschutz), überall Baustellen, kreuz und quer herabhängenden Stromkabeln und unglaublich vielen Menschen funktionieren kann. Andererseits beeindrucken auch die vielen Tempel überall im Stadtbild, das Touristen-Viertel „Thamel“ und natürlich die großen Tempel „Swayambhunath“ und „Bodnath“.

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Wenn es kalt wird in den Bergen

Am dritten Tag sind wir dann nach Pokhara geflogen, um von dort am nächsten Morgen unsere Trekking-Tour zu starten. Allerdings war der Wetterbericht für die nächsten Tage in Nepal wirklich alles andere als „himmlisch“ und während wir unsere Sachen nochmals sortiert und gepackt haben, gingen draußen heftigste Gewitter-Schauer runter. Wir haben uns aber dazu entschieden, trotzdem loszugehen und dann von Etappe zu Etappe neu zu entscheiden, da auch die Informationen des ACAP (Annapurna Conservation Area Project) „Check your weather app – if it rains here there may be snow in the mountains.“ nicht so wirklich hilfreich waren.

 

Die Tourenplannung basierte auf der „klassischen ABC-Variante“: Phedi, Landruk, Chomrong, Dovan, MBC, ABC, Ghandruk mit dem Plan, die Puffertage von dort aus zu einer Extrarunde über Ghorepani und den bekannten Aussichtsberg „Poon Hill“ zu nutzen. Das Schöne an diesem „Teahouse-Trekking“ in Nepal ist, dass man sehr flexibel ist. Fast alle 30 Minuten Gehzeit kommt die nächsten Lodge, wo man einkehren oder übernachten kann. Reservieren muss/kann man eh nicht, so dass man sich treiben lassen oder je nach Wetterlage entscheiden kann.

Wandern Richtung Basecamp

Nach einem kurzen Taxi-Transfer ging es dann endlich los: Um kurz vor 7 Uhr sind wir auf dem „Annapurna Sanctuary Trek“! Die Euphorie lässt zwar noch etwas auf sich warten, da uns direkt 500 Höhenmeter über steile Treppenstufen empfangen. Ich habe ein wenig mit der Muskulatur und dem ungewohnt schweren Rucksack von 19 Kilogramm zu kämpfen, aber mit ein wenig Finetuning am modernen Tragesystem wird das für die nächsten Tage dann „zum (komfortablen) Kinderspiel“. Schon bald lassen uns aber der Pancake zum Frühstück, die ersten tollen Ausblicke und die dann überraschend herauskommende Sonne erstmals strahlen. Wir laufen uns gut ein und schaffen sogar eine „Doppel-Etappe“ des Rother Wanderführers und kommen vor dem abendlichen Regen in Landruk an.

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Am nächsten Tag hat der Wetterbericht dann leider doch Recht: Mit dem Aufstehen beginnt heftiger Regen. Wir verlängern das Frühstück, entscheiden uns dann aber doch, zumindest eine weitere Etappe zu gehen, da auch für den nächsten Tag Regen angesagt ist. Uns und die Rucksäcke im Regenschutz verhüllt geht es los: Vier Stunden durch größtenteils strömenden Regen. Aber unsere Stimmung ist klasse, wir motivieren uns gegenseitig und kommen gut in Chomrong an. Das uns empfohlene „Chomrong Cottage“ (wegen des legendären Schoko-Kuchens) ist nett, aber wie fast alle Lodges zugig und nicht geheizt. Und das merkt man besonders dann, wenn man selbst und die Kleidung klitschnass sind. Ohne Trockenraum, wie man es in Alpenhütten gewohnt ist, trocknet die Kleidung nicht – und wir wärmen uns nachmittags alternativ zusammen im Schlafsack. „Not“ und Romantik pur! Die warmen (und schicken) ODLO-Daunenjacken liegen immer griffbereit, wenn wir uns dann abends oder morgens aus dem Schlafsack in schälen und in die Kälte mussten…

Sollen wir abbrechen oder nicht

Da wir nicht nur unseren Wetterbericht für die nächste Etappe im Blick haben, sondern auch das „Bergwetter“ im Annapurna Base Camp, lassen die fast zwei Meter Neuschnee dort erste Zweifel aufkommen, ob das mit der Tour wie geplant weitergehen kann. Da wir genug Zeit haben und die nächste Etappe ganz sicher „safe“ ist (und ich ehrlicherweise den Schnee selbst sehen will) gehen wir noch etwas höher – bis Dovan auf 2600m. Dort ist es dann klar: Schon auf dem weiteren Weg zur nächsten Lodge auf 2900m sind mehrere Lawinen heruntergekommen, die nächste Lodge ist schon evakuiert und der obere Bereich wird für einige Tage wegen akuter Lawinengefahr komplett gesperrt. Ich schaue mir die Schneeberge der Lawine auf dem Weg dann noch an und muss schlucken: Wenn das schon auf 2900m so aussieht, wie ist es dann weiter oben auf bis zu 4200m?!

Zugegebenermaßen nagt das besonders für mich als „Gipfelstürmer“ schon ganz schön und der schlaue/wahre Spruch „Der Weg ist das Ziel.“ kommt erstmal nicht so richtig bei mir an. Als dann aber im Abstieg nach dem Frühstück die Hubschrauber über uns dauerkreisen und wir weitere Fakten wie „schlimmste Wetterlage seit 15 Jahren“, „Komplettevakuierung ABC, MBC, Deurali“, „zerstörte Lodges“, „kopfhoher Schnee“, „5 Tage Ausharren der in Lodge ohne Heizung bei -15 Grad“, „Tote“ (?!) … hören, überwiegt die Erleichterung, knapp an dieser „Katastrophe“ vorbeigeschrammt zu sein.

Und wir haben ja noch unsere „Extra-Runde“, für die wir uns nun noch mehr Zeit lassen können. Das machen wir und haben weitere wunderschöne Trekking-Tage! Sehr oft in der Sonne – und durch die entspannten Geh-Tage auch immer vor dem meist abendlichen Regen in einer Lodge. Die Berge hinter blühendem Rhododendron im Sonnenaufgang von Tadapani oder die tollen, sonnigen Ausblicke vom verschneiten Trail am Deurali-Pass auf über 3000m Höhe füllen das Fotoalbum – und werden wir wohl nie vergessen. Es sind letztendlich diese spontanen Momente, die die Tour unbeschreiblich machen. Viel mehr als geplante „Ziele“ oder in allen Reiseblogs beschriebene „view points“.

Es sind die Begegnungen mit den Menschen, die die Tour so unbeschreiblich werden lassen

Neben der unbeschreiblichen Natur gehörten damit im Nachhinein für mich aber auch die vielen Begegnungen mit sehr spannenden Menschen: Die nach Burnout ausgestiegene vorher weltweit tätige Vertrieblerin für eine sehr große Lebensmittelkette, die nun als Yoga-Lehrerin im Himalaya arbeitet, die Ärztin, die ihre Praxis in Berlin aufgegeben hat und nach 1 Monat Volunteer-Arbeit in einem einfachen ländlichen Dorf Nepals nun ein Trekking macht, der junge Angestellte der amerikanischen Botschaft in Kathmandu, der nur widerwillig über die aktuelle politische Situation in seinem Land sprechen wollte, Weltreisende, für die Nepal nur eine Station ihres großen Trips ist, die „Grandma“ der Lodge, die morgens ihr Räucherstäbchen-Zeremoniell durchführt, Guides, Porter, …

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Und es war die Reduzierung auf das Wesentliche, in dem wir viele Stunden am Tag bei Wind und Wetter in der Natur unterwegs waren, die sanitären Anlagen sehr einfach, oft ohne Dusche oder manchmal auch Elektrizität, es nicht überall warme Räume gab.

Und dabei waren wir durch die Kooperation mit Rock’n Trail wirklich sehr professionell ausgestattet, was das Equipment anging: Funktionale und wärmende Kleidung von ODLO, durchdachte und gut zu tragende Rucksäcke von OSPREY, Socken von CEP und die Schuhe mit super Profil in allen Wetterlagen von Merrell.

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Traditionelles Essen

Auch das Essen war recht einfach – aber durchweg gut. Natürlich haben wir uns auch mal ein Stück Kuchen in der „German bakery“ gegönnt und mal Pancakes und Pizza gegessen. Aber die nahrhafteste und günstigste Verpflegung waren immer noch das Porridge zum Frühstück, chinesische Nudeln zum Mittag und abends das Nationalgericht „Dal Bhat“: Reis mit Linsensuppe, Gemüse wie Spinat, ein Currygemüsemix mit Kartoffeln und „mixed pickles“. Das essen auch die Sherpas und man bekommt Nachschlag, bis man satt ist.

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Und ich fand es so lecker, dass ich das auch zurück „in der Zivilisation“ beim Relaxen am Phewa-See in Pokhara noch gegessen habe. Dazu hatten wir nämlich noch 1,5 Tage mit viel Schlafen, einer Trekker-Massage bei einem Sozial-Projekt für Blinde, die als Masseure arbeiten („seeing hands“) und etwas Sightseeing, bevor es dann für die letzten 4 Tage in ein Yoga-Retreat bei Kathmandu ging. Das war klasse und ein guter Abschluss, um Energie zu tanken und die ganzen tiefen Eindrücke dieses Urlaubs ein wenig sacken zu lassen. NAMASTE!

Übernachtung in Nepal
Die Übernachtung erfolgt in größeren Städten wie Kathmandu/Bhaktapur in Hotels verschiedener Standards. In Pokhara und auf den Trekking-Touren (Annapurna, …) kann sehr günstig in Lodges(„Teahouse-Trekking“) übernachtet werden.
Anreise nach Nepal

Nein, dieses mal geht es ganz bestimmt nicht mit dem Auto. Der Flieger bringt uns von München oder Frankfurt/Main mit Zwischenstopps in Abu Dhabi (Etihad Airways), Doha (Qatar Airways), Bangkok (Thai Airways) oder Delhi (Lufthansa) nach Kathmandu. Die Weiterreise zu den Trekking-Gebieten wie das Annapurna-Gebirge kann per Bus (mehrstündig) oder per „domestic flight“ erfolgen (ca. 30 Minuten). Diese sind oftmals im Land günstig zu buchen.

Jens Meyer

Jens Meyer

Jens kam erst recht spät zum Sport, dafür lebt er ihn jetzt umso intensiver. Der passionierte Läufer liebt die Wege abseits der Straßen. 2013 war er Hauptdarsteller bei der Transalpine-Run Dokumentation "Heaven and Hell".

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