Eiger Ultra Trail – E101

von 1. August 2019Reiseberichte, Schweiz

David Pfeil, 25 Jahre, aus Ulm, ist ein ehemaliger Biathlet und seit knapp drei Jahren ist er im Trailrunning unterwegs. Er hat sich Mitte Juli der Herausforderungen Eiger Ultra Trail gestellt. Dass manchmal der Name wirklich Programm ist musste David leidvoll erfahren.

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Energie – Frische – Hoffnung! Diese Gefühle kamen in mir hoch! 12h kämpfte ich mich nun schon ab, aber diese unerwartete Energie ist unbeschreiblich schön. Das ist Trail Running. Meine Schritte werden wieder länger, die Höhenmeter scheinen mir nichts mehr auszumachen, doch Felix leidet umso mehr. Mein Blick geht hoch zum Männlichen und schwenkt dann nach rechts zur Nordwand des Eiger!

Eiger – Hier spielten sich schon zahlreiche tragische, dramatische und auch wundervolle Momente ab. Für jeden Alpinisten und Bergfetischisten ist dieser Berg ein Monument. Doch auch seit einigen Jahren suchen die Ultraläufer dort ihr Abenteuer. Der Eiger Ultra E101 ist ein Ultratrail mit 101km und 6700hm.

Ein unerwartetes Abenteuer – der Eiger Ultra Trail

Doch von vorne! Für mich kam dieses Abenteuer eher unerwartet. Mein Freund Benjamin fragte mich, ob ich ihn bei diesem Trail begleiten möchte. Da ich als Bergsteiger ohnehin die Schönheit der Viertausender und der Lauf mich schon länger interessierte, gab es kein Zögern. Mein Problem bestand daher in einer kurzen Vorbereitung und in einer sehr kurzen Regeneration von meinem letzten Ultralauf (60km in Bad Gastein, 4 Wochen davor). Zudem wollte ich endlich auch meinen ersten 100km Lauf finishen, weil ich Ende Mai bei meinem ersten Versuch nur bis Kilometer 80 kam.

Die Anreise erfolgte bereits am Donnerstagabend bis Feldkirch. Samstags ging es früh nach Grindelwald, wo wir auch rasch die Materialkontrolle machten. Die Kontrolle war sehr gründlich und genau. Das war viel besser als bei anderen Trailläufen. Nach Pastaparty und Fotos ging ich mit guten Beinen früh schlafen. Alles ist organisiert, alles gepackt, alles bereit!

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Früh ging der Wecker! 2:00Uhr – Wir quälten uns aus den Betten. Unsere Low- Budget Unterkunft mit wenig Komfort erwies sich als Glücksgriff. Ab 2:30Uhr stand das Essen bereit und das Personal wünschte uns noch persönlich viel Freude.

Stau gleich zu Beginn des Rennens

Es war schwül. 4:00Uhr, der Startschuss des Eiger Ultra Trail knallte, jetzt gilt es Ruhe zu bewahren. Mein Hauptproblem ist das zu schnelle Starten und Hitze. Am Anfang stieg es ca. 1000hm auf die Große Scheidegg  an. Dort war die V1. Ich orientierte mich nach hinten zu meinen Freunden, die sich schwer taten. Dadurch gerieten wir nach 200hm in einen Stau. Der kostete sicherlich 20min und eine Menge Nerven. Schließlich löste ich mich von meinen Freunden und ich machte mich mit einem anderen Freund, Felix, auf den Weg. Wir schafften den Stau, wir schafften den Anstieg und wir schafften die Nacht.

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An der V1, die nicht sehr glücklich aufgestellt wurde, ging dann die Sonne an den Gletschern des Eigers, des Finsteraarhorns und des Mönchs auf. Die ersten flacheren Kilometer und ein kühler Morgen machten unsere Beine flott. Wir sammelten nach und nach immer mehr Läufer ein. Bei Kilometer 14 stand zum ersten Mal meine Frau an der Strecke. Das gibt Motivation.

Der erste Downhill nahm sofort jede Illusionen. Der Eiger Ultra ist ein knallharter Ultralauf, es wird nichts geschenkt. Es ging auf einem über 20% fallenden Teer und Schotterweg hinunter, nichts für Downhill- Feinschmecker. Nach einer kurzen V2 stand uns ein knapp 850hm langer Gegenanstieg durch traumhafte Fichtenwälder und abschließend über einen tollen Steig entlang der Felswand zur V3 „First“ bevor.

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Meine Frau pushte Felix und mich und wir sahen auch, dass wir immer schneller die anderen Läufer nun einsammelten. Aber wir hatten mit 25km erst ein Viertel der Strecke. Nun holten uns auch die Topläufer des E51 ein, die auf derselben Strecke unterwegs waren. Ab jetzt werden wir uns die nächsten 20km fast ausschließlich über 2000müNN bewegen. Die Sonne wurde immer stärker. Aber es lief weiter gut und wir hielten unser Tempo. Nach 2 wunderschönen Bergseen ging es runter zu V4. Dort war das letzte Mal das Auffüllen der Flaschen erlaubt, da auf den nächsten beiden V´s nur per Helikopter Wasser herbeigeschafft werden kann.

Berauscht vom Panorama

Nun stand noch der letzte harte Anstieg in der ersten Hälfte bevor. Knapp 750hm auf das 2680m hohe Faulhorn. Dort befand sich auch die nächste V5. Wir stiegen sehr konstant und gut, aber die Hitze wurde immer drückender. Wir erreichten etwas müde, aber glücklich das Faulhorn. Die Spitze dieses Laufes! Der Ausblick ist gigantisch, auf der einen Seite die Viertausender des Berner Oberlandes, auf der anderen Seite 2600hm tiefer die türkis- grünen Seen Brienzersee und Thunersee. Man kann fast alle Stellen des Laufes von dort einsehen. Das ist beruhigend, beängstigend und erregend zugleich. Wir waren wie berauscht.

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Über langgezogene Rücken, technische Trails auf Graten und über kurze Steige ging es immer ein paar Höhenmeter ins Tal. Wir kreuzten einige Schneefelder, die aber kein Problem darstellten, sondern Spaß machten und abkühlten. Wir ließen die Schneefelder hinter uns, aber waren noch weit über der Baumgrenze. Die Hitze war sengend. Felix bekam seine ersten Probleme, sodass wir kurze Pausen einlegten. Wir erreichten Schynige Platte und mir schien, dass mein Kopf platzte. Es wurde brüllend heiß.

Aussteigen – eine Option

Panik breitete sich aus. Sollte mir das Gleiche passieren wie vier Wochen zuvor bei meinem letzten Ultralauf, den ich mit einem Hitzschlag finishen musste!? Ich musste mich ins Tal retten. Meine Vorbereitung auf die Hitze war ausgeklügelter, der Sonnenschutz war nun immens wichtig. Dank Benjamin hatte ich eine super Sonnencreme, die mir viel half. Im Tal war Halbzeit, es gab eine große V und vor allem meine Frau wartete dort auf mich. Bis dahin fehlten noch 1300hm hinab. So gut bislang die Downhills beim Eiger Ultra liefen, so hart wurden sie nun. Was auf den Karten nicht einzusehen war, sind giftige, schwere und bis zu 180hm lange Gegenanstiege, die mir diesen Downhill zur Hölle machten. Die Schritte wurden immer kürzer und ich brauchte nun fast jeden Kilometer eine Pause. Felix zog mich aber immer weiter. Wir kamen Stück für Stück tiefer ins Tal und es wurde durch die Wälder und Bäche auch immer erträglicher mit der Hitze. Völlig erschöpft erreichten wir die große V im Tal in Burglauenen.

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Von meinen Freunden waren wir bislang trotzdem noch die Ersten. Wir hatten zwischenzeitlich eine theoretische Ankunftszeit von ca. 16h. Doch schon an der Hälfte waren wir bei einer errechneten Zielzeit von 19h. Wir waren drauf und dran uns für die kurze Runde E51 zu entscheiden, aber ich motivierte Felix, dass wir die kompletten 101km machen. Er schaffte es die Pasta dort zu essen, ich blieb bei wenig Kost und viel Flüssigem. Mittlerweile holte uns Benjamin ein und so machten wir uns dann zu dritt auf.

800hm im ersten Anstieg, ein Downhill nach Wengen und dann nochmal über 1000hm zum Männlichen hoch. Das ist die wahre Challenge des Eiger Ultra Trails. Das Problem: Die Beine platt, der Körper leer, der Kopf tot. Ich brauchte eine Ewigkeit meinen Rhythmus zu finden nach der großen V. Felix und ich schleppten uns nur langsam den Wald Richtung Wengen hoch, Benjamin hingegen löste sich schnell von uns und verfolgte sein Ziel den Lauf sub 22h zu beenden.

Auch die Läufer um uns herum wirkten entkräftet von der Hitze des Tages. Mit Müh und Not erreichten wir Wengen. Mir war ein bisschen flau im Magen und je länger ich an der V wartete, desto schlechter wurde es. Es waren 61km gelaufen, aber noch 2700hm zu steigen. Dann musste ich es Felix mitteilen, ich sagte ihm bitter, dass es für mich heute genug sei und dass ich aussteigen werde.

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Das akzeptierte er nicht! Er machte mir klar, dass wir nun schon so weit sind, die Berge uns anlächeln, meine Frau an der Kleinen Scheidegg auf uns wartet, der Cut- Off noch in weiter Ferne ist und dass ich mich kurz ausruhen soll. Rucksack auf den Boden, Kopf drauf und das einsetzende Tröpfeln ignorieren. Neben mir waren die Fans mit Kuhglocken, aber nach drei Sekunden schlief ich wie ein Stein. Bevor mein Wecker klingeln konnte, weckte mich Felix und wir brachen auf.

Wenn die Beine gut sind…

Wie durch ein Wunder fühlten sich meine Beine locker und frei an. Klar, ich war nicht taufrisch, trotzdem ist es doch sehr erstaunlich und erhebend gewesen.  Energie – Frische – Hoffnung! Diese Gefühle kamen in mir hoch! 12h kämpfte ich mich nun schon ab, aber diese unerwartete Energie ist unbeschreiblich schön. Das ist Trail Running. Meine Schritte werden wieder länger, die Höhenmeter scheinen mir nichts mehr auszumachen, doch Felix leidet umso mehr. Mein Blick geht hoch zum Männlichen und schwenkt dann nach rechts zur Nordwand des Eiger!

Seit dem letzten Anstieg schon konnte ich jedoch nur noch sehr flach atmen. Das bekomme ich häufiger bei langen Belastungen bei großer Hitze. So zogen wir gut den 1000hm Anstieg zum Männlichen hoch. Nun war es Felix, der kämpfte und immer wieder stehenbleiben musste. Vielleicht bereute er es, dass er mich hat vorne laufen lassen, denn es viel mir schwer ein noch langsameres Tempo einzuschlagen.

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Bei der Hälfte des Anstiegs setzten wir uns auf eine Bank. Plötzlich war überall Blut. Meine Nase hatte zu bluten begonnen. Auch das war mir schon bekannt. Bei Läufen über 13h bekomme ich Nasenbluten. Mit Pfropfen in der Nase zog ich nun schon fast Felix den Berg hoch. Mit letzter Kraft erreichten wir dann den Gipfel am Männlichen über 2330müNN. Ich fühlte mich fit, Felix nicht. Es wäre unvorstellbar, dass wir uns trennen. Ich verpflegte mich an der V mit einer warmen Bouillon. Dann drehte ich mich zu Felix um, er fragte mich noch ob wir denn aufgeben oder weitergehen sollen und dann passierte es.

Nach 70 Kilometern war Schluss

Ich brach. Einmal, zweimal, dreimal,… Zwischenzeitlich kam ein Sanitäter und reichte mir eine Tüte. Er erkundigte sich nach mir, checkte mich kurz durch. Nachdem ich mich nun einige Male übergeben hatte, war uns beiden klar, dass das die Entscheidung abnahm. Wir beenden das Rennen. Felix und ich hatten ca. 70km und fast 5000hm gelaufen. Wir blickten uns um und erspähten zahlreiche Sportler, die an Infusionen hingen und extrem viele hatten sich übergeben. Die Hitze fordert ihre Opfer. Einige wurden mit dem Helikopter schon ins Tal geflogen.

Für Felix und mich ging es ins Restaurant, wo uns eine nette holländische Volunteer ihr Schnitzel mit Pommes überließ, weil sie es uns gönnte. Felix aß, ich neidete… Wir feuerten dann unseren Freund Dominik an, der mittlerweile auch auf dem Männlichen ankam. Er kämpfte gegen den Cut- Off. An der Kleinen Scheidegg musste auch er sich später geschlagen geben. Nur unser Benjamin hat Aufwind bekommen und schaffte es auch unter 22h mit viel Einsatz ins Ziel. Ebenso schaffte es Sebastién nach über 24h ins Ziel. Herzlichen Glückwunsch!

 

Durch einen langen Bustransfer nach Grindelwald waren wir wieder an der Unterkunft. Nacheinander trudelten dann unsere Läufer und meine Frau ein. Wir waren froh, dass sich keiner verletzt hat. Für mich ist der E101 noch nicht abgeschlossen. Ich werde diesen Lauf finishen. Ob im nächsten Jahr oder später ist nicht wichtig, aber der Eiger wird bezwungen.

Der Lauf ist toll organisiert für alle Läufer. Schwieriger ist es für die Begleiter und Fans das Rennen zu verfolgen, da fast überall ein anderes Verkehrsmittel gebraucht wird. Man kommt nicht daran vorbei permanent die Pracht der Gletscher und Berge zu bewundern. Der Lauf ist atemberaubend. Vielen Dank an Rock’n Trail, die mich hierfür ins Rennen geschickt haben. Danke WeRun4Fun e.V., die mich an jeder Stelle unterstützten und antrieben, wo nur möglich.

Eiger

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